Donnerstag, 11. Mai 2006
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Sonntag, 7. Mai 2006
shortstory 5
Kromer
by © F. Georgeman

Mitten in der neunten Klasse wurde ich zwangsweise neben Kromer gesetzt, aus heiterem Himmel und ohne jede nachvollziehbare Begründung.
Das Problem, das Kromer für jeden darstellte, hatte sich für niemanden von uns bisher wirklich gestellt, denn die Anzahl der Schüler ließ sich gottseidank nicht durch zwei teilen, und die ungerade Nummer war immer Kromer.
Ich liess jeden in der Klasse wissen, wie sehr ich mit ihm gestraft war.
Kromer spielte Geige, bewegte sich beim Völkerball wie ein fettes Mädchen, kannte keinen einzigen richtigen Witz, hatte in allen naturwissenschaftlichen Fächern eine Eins, in Mathematik hätte er wahrscheinlich jetzt schon Abitur machen können, und wenn einer von uns ihn ausnahmsweise mal was fragte, sagte er: Schau, schau, klau, klau, sowas in dieser Preislage.
Die Peace Bewegung war noch nicht erfunden, und so bekam er auf dem Pausenhof öfter einen in die Schnauze, auch ohne besonderen Anlass.
Einmal standen wir in der stechenden Sonne in einer Reihe vor der Turnhalle und warteten lustlos auf Einlass. In seiner bis unter die Brust hochgezogenen Sporthose sah er aus wie ein Baby in einem Strampleranzug, hinter ihm redeten einige über Fußball und irgendjemand fragte ihn, was ein Foul sei.
Abends wird der Faule fleißig, antwortete Kromer.
Sein Hintermann trat ihm in die Kniekehle, und sagte, das sei ein Foul.
Kromer stolperte gegen seinen Vordermann, dann prasselten von allen Seiten Schläge und Tritte gegen ihn ein, es entlud sich alles über ihn, was diese Jahre für Typen wie Kromer auf Lager hatten.
Ich selber hielt mich ein bisschen raus, wahrscheinlich um jeglichen Körperkontakt mit ihm zu vermeiden.
Ein paar Tage später fragte Kromer mich in der großen Pause, ob ich ihn einmal besuchen kommen wollte.
Ich hatte Angst, dass es jemand gehört haben könnte.


Dann kamen die Sommerferien.
Ich glaube, es war gleich am zweiten oder dritten Tag, als meine Mutter beim Abendbrot vom Tisch aufstand und im Rausgehen zu mir sagte: „Der Vater deines Nebensitzers hat mich heute angerufen.“
Dinge von Tragweite sagte sie immer im Rausgehen. Vor drei Jahren hatte sie an einem Freitagabend einen Haufen schmutziger Wäsche in den Armen, sagte: „Dein Vater kommt am Wochenende nicht“, und verschwand damit in der Waschküche.
Etwas später war ich Scheidungskind und seitdem suchte
ich meine Umgebung genauer auf Vorzeichen ab.
In diesem Fall kam ich zu dem Schluss, dass sie etwas miteinander haben mussten, meine Mutter und Kromers Vater.
Meine Mutter war zu der Zeit mit der Verzweiflung einer Kriegerwitwe hinter einem Ersatzvater für mich her, und vielleicht lagen die Verhältnisse bei Kromer ähnlich, nur umgekehrt.
Vielleicht hatte sie das Schicksal bei einem Elternabend zusammengeführt und möglicherweise hatten sie ihre gemeinsame Zukunft davon abhängig gemacht, dass ich mich mit Kromer vertrug und vertraulich bei der Schule vorgesprochen, um uns zum Test nebeneinander setzen zu lassen.
Vorausschauend bedeute das, dass Kromer in einiger Zeit mein Bruder werden konnte.
„Was hältst du davon?“, fragte meine Mutter, als sie wieder hereinkam.
„Wovon..?“
„Ihn besuchen.“
„Wen besuchen, Kromer?“
Sie setzte sich vor mich hin, ihre Frolleinwunderfrisur hing schlaff an ihr herunter und sie blies mir wie in einer Kneipe den Rauch ins Gesicht.
„Pass‘ auf“, sagte sie, „du bist schon groß, du weißt eine Menge für dein Alter.“
Sie spielte auf die Tatsache an, dass ich Scheidungskind war, und damit war ich automatisch reifer als andere Jungen.
Von dieser Reife hing nun anscheinend ihr aller Glück ab.
Es wäre egoistisch gewesen, sich ihnen in den Weg zu stellen, und so erklärte ich mich bereit, Kromer am übernächsten Tag zu besuchen.

Kromers Vater besaß eine Eisengießerei und wohnte alleine mit seinem Sohn in einer Villa, mitten auf dem Fabrikgelände.
Der Pförtner tippte freundlich mit dem Zeigefinger an den Rand seiner Mütze, als er mich passieren ließ. Zwischen den Werkshallen saßen gesund und rundlich aussehende Arbeiter auf rostigen Roheisenblöcken in der Sonne und kauten ihr Pausenbrot.
Als ich an ihnen vorbeiging, lächelten sie mir zu und schienen sich zu freuen, dass der junge Kromer Besuch bekam.
Die Haushälterin, die mir öffnete, war eine knabenhaft aussehende Ballettmeisterin in einem Trainingsanzug und kurzen eisgrauen Haaren, auch sie schien Bescheid zu wissen.
Als ich hinter ihr die Treppe in der Halle hochstieg, roch es nach Liosol, einem Intimspray, wie es sich auch unter den Sachen meiner Mutter befand und das ich mir manchmal (wenn ich wieder gegen meinen Schwur verstoßen und onaniert hatte, was mich stark an mir zweifeln ließ) unter die Achseln sprühte.

Kromers Zimmer lag im dritten Stock.
Die Frau klopfte an eine schwere Eichentür und rief, als keine Antwort kam: „Der Besuch, Frank!“
Als wieder keine Antwort kam, öffnete sie die Tür.
Er saß gekrümmt hinter einem riesigen Schreibtisch, über ihm das Geweih eines Elches.
Wahrscheinlich hatte er gearbeitet, nun stand er linkisch auf, und sah mich mit einem roten Gesicht an.
Ich ging zu ihm hin und gab ihm die hand.
„Tee oder Kaffee?“, fragte die Ballerina hinter uns.
„Nicht jetzt, Frau Weber“, sagte Kromer mit einer Stimme, die ich nicht von ihm kannte.
Anscheinend hatte Kromer sich auf meinen Besuch vorbereitet, denn gleich nachdem Frau Weber gegangen war, fing er von Fußball an, er konnte die ganze Oberligatabelle von unten bis oben wie unregelmäßige französische Verben aufsagen.
Als er fertig war, fragte er erschöpft, ob ich eine Coca Cola wollte. Falls ja, würde er Frau Weber Bescheid sagen.
Lass mal, sagte ich.
Ihm fiel dann nichts mehr ein, und mir auch nicht.
Ich hatte das Gefühl, dass wir abgehört wurden, und tatsächlich klopfte es nach einer Weile an der Tür und sein Vater trat ins Zimmer.
Er war groß und sportlich und sah aus wie ein Skispringer oder Jagdflieger, aber irgendwas stimmte auch mit ihm nicht.
Er fragte uns, ob wir Lust auf eine Autofahrt hätten und wir sagten beide sofort ja.
Dann fuhren wir in einer Borgward Isabella (ich schwöre es war eine Isabella!) über die damals noch nicht sehr befahrene Autobahn, die eloxierte Tachonadel zitterte sich auf Hundertsiebzig hoch, Kromer hielt seine Geigenhände auf seine fest aneinander gepressten Knie (so saß er auch im Unterricht da) und keiner sagte ein Wort. Wir fuhren fast eine Stunde so, ich spürte die Traurigkeit noch jahrelang in meinen Knochen.
Wahrscheinlich war es damals so traurig gewesen, weil Kromer nie Besuch hatte, vielleicht sein Vater auch nicht, und vielleicht sahen alle ihre Nachmittage so aus.

Es blieb der einzige Besuch bei Kronmer.
Keiner verlangte mehr von mir, ich hatte das Mögliche getan.
Der erste Tag nach den großen Ferien war der vierzehnte August 1961, ein Montag.
Was am Tag vorher passiert war, ist merkwürdigerweise an mir vorbeigegangen, jedenfalls erfuhr ich erst in der Schule vom Bau der Mauer in Berlin.
Vor der ersten Stunde trat der Direktor vor die Klasse und teilte uns die Änderung der Weltlage mit, und, als Ergänzung, dass unser Mitschüler Kromer sich gestern erhängt habe.
(Ich fragte mich im ersten Moment, woher er die handwerklichen Fähigkeiten dazu genommen hatte.)
Er tat es am Sonnabend-Abend oder am frühen Sonntagmorgen, so genau konnte man es nicht sagen. Weil es jedoch praktisch der Tag des Mauerbaues gewesen war, ergriff der Direktor die Gelegenheit, um in einem bewegenden Vortrag einen weiten Verbindungsbogen zu ziehen zwischen den großen weltgeschichtlichen und den lächerlichen Ereignissen unseres eigenen Lebens.
Er berichtete zum Beispiel von der Suez Krise, die bei ihm mit einer Lebensmittelvergiftung zusammenfiel und er dann im Krankenhaus seine Frau kennenlernte, die auch nur Vertretung war, und mit der er inzwischen drei gesunde Kinder hatte.
Bei mir fiel der Montag nach dem Mauerbau mit dem Entschluss zusammen, die Schulzeit als beendet zu betrachten.
Ohne mich im Sekretariat abzumelden verließ ich in der großen Pause die Schule und ging einfach nach Hause.

Als ich ankam, saß meine Mutter in der Stube und starrte in den Fernseher, wo Menschen aus Fenstern sprangen, um in die Freiheit zu kommen, die armen Menschen, sagte meine Mutter dauernd.
Ich hatte mir vorgenommen, ihr die volle Wahrheit sagen, sozusagen klar Schiff zu machen, aber sie war so mit der Weltgeschichte und den armen Menschen beschäftigt,
dass ich es bleiben ließ, für immer.

Wenn ich alleine sein wollte, ging ich in die Stadt.
Um in die Stadt zu kommen, ging man zuerst einen schmalen Weg zwischen Unkraut und Trümmern, aus denen es nach toten Katzen und Sauerampfer roch, vorbei an einer Gärtnerei und einer Ziegelei, bis man zur Endstation der Straßenbahnlinie neun kam, da musste man sich entscheiden.
Die glücklichsten Momente meiner Kindheit waren, wenn meine Mutter an dieser Stelle entschied, nicht die Bahn zu nehmen, sondern zu laufen und das Fahrgeld lieber für ein Eis in der Stadt auszugeben.
Vielleicht lief ich deswegen auch dieses Mal die ganze Straße, eine ziemlich lange, die ich gut kannte, vorbei an Ruinen aus dem Krieg, dazwischen niedrige Holzbuden mit kleinen Geschäften, einem Milchladen, einem Friseur und einem Schreibwarengeschäft, das gleichzeitig eine Leihbücherei war.
Danach folgte eine endlose, unbewohnte Strecke; obwohl ich inzwischen lange Beine hatte, erschien sie mir immer noch endlos.
Als Fluchtpunkt in der Ferne steuerte man auf ein hohes Haus zu, das vom Krieg stehen geblieben war und das sich scharf gegen den Himmel abhob, wir nannten es das Eckhaus.
Im Näherkommen erkannte man überdeutlich die zerfressene Fassade, die wie mit dem Schweiß der Geschichte überzogen war, unten befanden sich kleine Läden mit Reklameschildern und bunten Windrädchen, die sich im Fallwind wie wahnsinnig drehten.
Danach wurde die Straße abschüssig und führte wie ein Trichter direkt in den Eingang des Woolworth-Kaufhauses.

Hinter den gläsernen Vitrinen der Kosmetikabteilung waren lauter hübsche Mädchen mit Farah Diba Frisuren und mit Schlafaugen, die versuchten, den Tag über die Runden zu bringen. Abends wurden sie dann von Jungs abgeholt, die niemals onanierten.
Ich durchstreifte die verschiedenen Abteilungen, und ließ mich von der hölzernen Rolltreppe von Stockwerk zu Stockwerk fahren.
Ganz oben gab es noch eine Abteilung, die man nur zu Fuß erreichen konnte, die Teppichabteilung.
Ein paar ältere Verkäufer standen in Konfirmationsanzügen herum und sahen aus wie Leute, die das Kaufhaus hier oben aus persönlichen Gründen gefangen hielt.
Auf dem Rückweg kam mir im Treppenhaus Brigitte Bardot entgegen, die zur Betreuung dieser Gefangenen angereist war, wahrscheinlich weil sie genug hatte von Filmen, wie: Und ewig lockt das Weib.
Als ich hinter ihr hersah, blieb sie auf dem Treppenansatz stehen und ihr Schmollmund formte die Worte: alle Menschen werden Brüder, eines Tages.

Ich ließ mich danach langsam aber sicher auf den Hauptbahnhof zutreiben.
Der Hauptbahnhof erschien mir als eine Ansammlung von schmutzigen Tatsachen, die zusammen die reine Wahrheit bildeten.
Mit dem Wahrnehmungsvermögen jener Lebensjahre registrierte ich die galertartigen Speichelpfützen, den Geruch von feuchtem Eisen, von verschütteten Bier und von Schwefel, ich spürte die Wimpernblicke von Menschen, die anscheinend ziellos an mir vorbeigingen und ein paar Minuten später wieder auftauchten und mir forschend mitten ins Gesicht blickten, als wenn sie das Code-Wort wissen wollten.
Zwölf Uhr einundreißig, Stockholm, las ich auf dem Fahrplan.
Freiheit hatte nach meinen damaligen Begriffen etwas mit Zufall und Willenlosigkeit zu tun, eine Bahnsteigkarte kostete nur zwanzig Pfennig, und wenn sie mich aus dem Zug holten, war ich jedenfalls ganz woanders.
Ich ging in den Wartesaal dritter Klasse.
Ein buckliger Kellner mit rasiermesserscharf gezogenem Scheitel kam an meinen Tisch und fragte, ob ich was bestellen wolle. Ich bestellte eine Coca Cola, er nickte und ging weg und kam mit einer Africola zurück.
Kurz vor Abfahrt musste ich plötzlich dringend pinkeln und ging auf Toilette.
Als ich vor dem Pissoirbecken stand, kam ein Mann mit einem Geigenkasten herein, stellte ihn an der gekachelten Wand ab, und pinkelte neben mir.
An seinem Pinkeln hörte ich, dass ihn die Berlin-Krise auch nicht besonders interessierte, ohne Vorwarnug zuckte dann seine Hand wie eine Schlange nach mir, riss mir fast die Eier heraus und ich pinkelte über seine Hand, weil ich nicht rechtzeitig abstellen konnte.
Der Mann nahm seinen Geigenkasten und verschwand mit einem zufriedenen Gesicht.
Als er rausging, kam ein Mann mit der Schirmmütze der Bahnhofsmission herein, fragte, ob alles in Ordnung sei, und nahm ein Protokoll von der ganzen Sache auf.

Was das alles mit Kromers Tod und der Berliner Mauer zu tun hatte, weiß ich nicht, aber irgendwie schon, nur dass alles einen Tag später war.
Der Zug nach Stockholm war inzwischen weg, und anscheinend hatte ich mich so auf die Zufallsstadt Stockholm fixiert, dass mir London, Paris und Amsterdam nichts Besonderes mehr sagte.
Überhaupt war ich verzweifelt, dass mich das Schicksal derart ins Leere laufen ließ, statt in ein offenes Messer.
Jetzt noch ein Eis von dem gesparten Straßenbahngeld, dann schnell nach Hause, morgen wieder in die Schule, und ich werde den Aufbruch in ein wahres Leben ewig als peinliche Lachnummer im Gedächtnis behalten, so dachte ich, aber dann geschah doch noch etwas, nicht viel, kommt darauf an, wie man es sieht.

Ein Hund (eine Rasse, die inzwischen ausgestorben ist)
hob das Bein und pisste in einem hohen Bogen gegen die Scheibe eines Autohauses, während in einem kleinen, quadratischen Fenster einer Wohnung darüber eine alte Frau ihren Kaktus begoß, und dabei zu mir heruntersah.
Plötzlich schrieb ich ihr die Rolle eines Engels zu, ein Engel, der mich die ganze Zeit gesehen hatte unter all den Menschen.
Der Engel, der mir das Zeichen gab für mein weiteres Leben, der sowas sagte wie: Fürchte dich nicht.
Ich hörte noch eine andere Stimme, es war die von Kromer.
Er sang (dazu hüpfte er wahrscheinlich auf einem Bein):
Schrumm schrumm, macht die Geige.
He he, macht der Held.
Du du, macht der Dummkopf.
Mehr ist nicht drin, kapierst du?
Kapierst du?
In diesem Moment, genau in diesem, während die Frau ihren vertrockneten Kaktus begoss und zu mir heruntersah, während der Hund immer noch pisste, er pisste unheimlich lange, stand ich still und gedachte meines Nebensitzers Kromer, innig und aus tiefsten Herzen.
Ich glaube, auf so eine Art gedenkt man nur, wenn man jung ist und alles noch vor sich hat. Später, wenn es eng wurde im Leben, manchmal über Strecken von zehn, fünfzehn Jahren, vergaß ich ihn vollkommen, aber immer wieder, manchmal im falschesten Moment, tauchte er wieder auf und machte seine Faxen.
Es ist so, wie ich schon am Anfang sagte, ich bin mit ihm gestraft.

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Samstag, 6. Mai 2006
lonely writers page.

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