Freitag, 28. April 2006
shortstory 3
fgeorgeman, 11:53h
Der Bunker.
By © F. Georgeman
Meine Eltern waren umgezogen und ich musste immer noch mit ihnen mit, obwohl ich schon Sechzehn war.
In den ersten Tagen verließ ich aus Protest das Zimmer nicht, aber dann wollte ich mir doch Mal ansehen, wo wir diesmal gelandet waren.
Einige Straßen hinter unserem Haus stieß ich auf so etwas wie ein Ortszentrum mit ein paar Läden.
Menschen waren nicht zu sehen, das einzige Lebendige waren zwei Meerschweinchen mit Haarausfall, die sich im Schaufenster einer Tierhandlung von der Sonne beschienen ließen.
Nach einer Weile kam ein unglaublich verdreckter, kleiner Junge vorbei. Er stellte sich an die Scheibe und betrachtete die Meerschweinchen ausgiebig. Seine mageren Arme umklammerten einen Karton mit leeren Flaschen, den er fest gegen seine Brust presste. Dann drehte er sich um, und verschwand mit seinen Flaschen in einem Laden. Als er mit einem umfangreichen Sortiment an Süßigkeiten wieder herauskam, stellte er sich wieder an die Scheibe.
Ich fragte ihn, wo hier was los sei in der Gegend.
Er steckte sich eine Lakritzstange in den Mund und saugte altklug daran.
„Was krieg ich?“, fragte er mit einer frechen Stimme.
Ich nahm dem kleinen Kerl die Lakritzstange aus dem Mund und sagte ihm, dass er die kriegt, wenn er meine Frage beantwortet.
Er steckte sich eine neue Lakritzstange in den Mund und sagte, dass ich ihm folgen solle, aber mit ein bisschen Abstand.
Das Kerlchen hüpfte los. Ich setzte mich, bevor er ganz aus meinem Blickfeld verschwand, schließlich auch in Bewegung.
Plötzlich blieb er stehen, sah sich um, und verschwand blitzartig wie ein Lurch in einem Spalt zwischen zwei Häusern.
Ich ging ihm nach und quetschte mich zwischen feucht riechenden Brandmauern durch einen dunklen Gang, der am anderen Ende auf ein verwildertes Gelände führte, wo es wie auf einer illegalen Abdeckerei stank.
Der Junge stand schon auf der anderen Seite und winkte mir ungeduldig zu.
Ich folgte ihm auf einem Trampelpfad, der durch hohe Brennesseln hinunter bis zu einem schmalen Kanal führte.
Entlang des Kanals gingen wir auf einem rissigen Betonweg in der Sonne nebeneinander her, vorbei an Wellblechschuppen und Autowracks. Der Junge sah zu mir hoch und fragte, wieviel ich dabei hätte.
„Geld?“
„Mindestens zehn Mark, hast du soviel?“
Ich sagte, das gehe ihn nichts an, und er grinste hocherfreut über diese Antwort.
Dann waren wir da und standen vor einem massigen dunklen Klotz in der Landschaft, ein Bunker, aus dem Krieg.
Anscheinend war er bewohnt, denn auf dem Platz davor hing Wäsche an der Leine und Hühner liefen im Dreck zwischen zusammengezimmerten Kaninchenställen herum.
Der Junge machte mich vorsorglich auf einen gemeingefährlichen Hahn aufmerksam und verschwand im Bunkereingang.
Als ich ihm hinterherging, schlugen mir stickige Ausdünste entgegen und ich war froh, das ich gegen so ziemlich alles geimpft war, gegen Kinderlähmung, Tuberkulose und Cholera, wahrscheinlich sogar gegen Fleck- und Gelbfieber, meine Mutter hatte dafür gesorgt, sie hatte einen Tick in dieser Beziehung, der Impfpass musste immer in Ordnung sein.
Der kleine Stift stand an der Biegung am Ende eines Ganges und trippelte ungeduldig auf der Stelle.
Ich folgte ihm zu einem Treppenschacht und er flitzte affenartig vor mir die Stufen hoch.
Ich dachte, hier also trifft man sich, in einem Bunker hinter dicken Wänden, gar nicht schlecht. Und Kinderkram konnte es nicht sein, was sie hier veranstalteten, denn man sollte ja zehn Mark mitbringen. Das klang nach Russisch Roulett, jedenfalls in dieser Preislage.
Oben wartete der Junge vor einer rostigen Schleusentür auf mich. Er öffnete die Tür mit einem Schwinghebel, und wir waren in einem großen, leeren Raum, in dem eine Neonröhre knatterte.
Der Raum war achteckig und nach allen acht Seiten gingen dunkle Gänge ab.
Das Kerlchen machte sich wichtig und sagte in einem vertraulichen Ton, dass ich hier warten solle, dann verschwand er in einem der Seitenarme.
Ich wartete.
Von irgendwo vernahm ich das Plärren eines Babys, das mit seiner Tonlage mühelos durch meterdicke Bunkerwände drang.
Von der Welt draußen drangen keine Schwingungen herein, ich fühlte mich wie tief unter einem Heldengedenkplatz, auf dem eine dünne Schneedecke liegt.
Ich schloss die Augen.
All die Menschen aus der Vergangenheit, die hier kauerten und hofften, dass die Decke über ihnen hält.
Dann hörte ich es.
Das Klacken von Pumps, von Stöckelschuhen.
Dem Klang nach sogar ziemlich hochhackige.
Ich machte die Augen auf, im Neonlicht erschienen sie violett und waren tatsächlich unglaublich hoch.
Das Mädchen allerdings war nicht unbedingt das, was zu diesen Schuhen passte.
Sie konnte nicht viel älter als fünfzehn sein, unter ihren Augen waren Ringe, die nicht wie Lachfalten aussahen, und ihre Haare, feuchte Korkenzieherlocken, hingen schwer wie Schlingpflanzen an ihr runter.
Ansonsten war sie unförmig, ihre Brüste unter ihrem engen Leibchen sahen aus wie Wulste an der Hüfte eines fettleibigen Jungen.
Was ich sagen will: Sie war nicht der Typ von Mädchen, den ich jemals in Erwägung gezogen hätte.
Dennoch (der Bunker mit seinen meterdicken Wänden trug vielleicht auf irgendeine Weise dazu bei) versetzte mich das Mädchen in eine ungeheure sexuelle Erregung.
„Willst du mit mir spazieren gehen?“, lispelte sie und sah auf die Wände, die mit einer hauchdünnen Moosschicht überzogen waren.
Ich konnte nur noch nicken.
Als wir aus dem Bunker ins Freie traten, hakte sie sich bei mir unter und zog mich rasch über den Hof. Wir kamen an den Kaninchenställen vorbei und gelangten unten an den Kanal.
Spaziergänge mit Mädchen hatte ich schon manche hinter mir.
Sie gehörten zum festen Repertoire jener Jahre.
Gebrauchsanleitungen kursierten, dass man Mädchen hinter den Ohren kraulen oder mit dem Mittelfinger die Innenseite
ihrer Hand berühren sollte, dann atmeten sie schneller.
Ich hatte es noch nie geschafft, dass sie schneller atmeten.
Diesmal auch nicht.
Weil ich nicht wusste, was ich die ganze Zeit reden solle, sagte ich, dass es hier so ähnlich aussehe, wie in Bilbao, da hätten wir mal kurz gewohnt.
Sie blieb stehen.
„In Bilbao?“
„Spanien“, sagte ich.
„Sag mal was spanisches“, sagte sie.
„Hasta la vista Senorita“, sagte ich.
Sie ging weiter, ohne zu fragen, was das heißt.
Dann hörte ich zum ersten Mal im Leben dieses zarte Schnaufen, das nicht vom Laufen kam.
Es übertrug sich auf mich und wir sagten die ganze Zeit bis zu Meer nichts mehr.
Als wir hinter der Schleuse die Stelle erreichten, wo der Kanal ins Meer mündete, stellte ich mir vor, wie sie zwischen den Beinen aussah.
In diesem Moment vergrub sie ihren Kopf in meinem Halswinkel und ich sah durch ihre Haare auf ihre Kopfhaut, die gerötet war und kleine rissige Schründe aufwies.
Und dann hörte ich sie tief seufzen: Ach du, mein kleiner Spatz..!
Das hätte komisch sein können, aber das Gegenteil war der Fall.
Ich rutschte an ihrem Körper herunter, nahm auf dem Weg nach unten ihren Schlüpfer mit, kniete vor ihrem buschigen Geschlecht und sog die Luft tief ein.
Dann liebten wir uns im Unkraut zwischen Schrott und öligen Pfützen.
„Es tut weh, es tut so scheußlich weh!“, stöhnte sie entschuldigend.
Ich brauchte kein Aufklärungslexikon.
Ich war der erste bei ihr.
Nachher gab ich ihr den Zehnmarkschein und sagte, den habe ich vergessen.
Sie nahm ihn und sah lange aufs Meer.
By © F. Georgeman
Meine Eltern waren umgezogen und ich musste immer noch mit ihnen mit, obwohl ich schon Sechzehn war.
In den ersten Tagen verließ ich aus Protest das Zimmer nicht, aber dann wollte ich mir doch Mal ansehen, wo wir diesmal gelandet waren.
Einige Straßen hinter unserem Haus stieß ich auf so etwas wie ein Ortszentrum mit ein paar Läden.
Menschen waren nicht zu sehen, das einzige Lebendige waren zwei Meerschweinchen mit Haarausfall, die sich im Schaufenster einer Tierhandlung von der Sonne beschienen ließen.
Nach einer Weile kam ein unglaublich verdreckter, kleiner Junge vorbei. Er stellte sich an die Scheibe und betrachtete die Meerschweinchen ausgiebig. Seine mageren Arme umklammerten einen Karton mit leeren Flaschen, den er fest gegen seine Brust presste. Dann drehte er sich um, und verschwand mit seinen Flaschen in einem Laden. Als er mit einem umfangreichen Sortiment an Süßigkeiten wieder herauskam, stellte er sich wieder an die Scheibe.
Ich fragte ihn, wo hier was los sei in der Gegend.
Er steckte sich eine Lakritzstange in den Mund und saugte altklug daran.
„Was krieg ich?“, fragte er mit einer frechen Stimme.
Ich nahm dem kleinen Kerl die Lakritzstange aus dem Mund und sagte ihm, dass er die kriegt, wenn er meine Frage beantwortet.
Er steckte sich eine neue Lakritzstange in den Mund und sagte, dass ich ihm folgen solle, aber mit ein bisschen Abstand.
Das Kerlchen hüpfte los. Ich setzte mich, bevor er ganz aus meinem Blickfeld verschwand, schließlich auch in Bewegung.
Plötzlich blieb er stehen, sah sich um, und verschwand blitzartig wie ein Lurch in einem Spalt zwischen zwei Häusern.
Ich ging ihm nach und quetschte mich zwischen feucht riechenden Brandmauern durch einen dunklen Gang, der am anderen Ende auf ein verwildertes Gelände führte, wo es wie auf einer illegalen Abdeckerei stank.
Der Junge stand schon auf der anderen Seite und winkte mir ungeduldig zu.
Ich folgte ihm auf einem Trampelpfad, der durch hohe Brennesseln hinunter bis zu einem schmalen Kanal führte.
Entlang des Kanals gingen wir auf einem rissigen Betonweg in der Sonne nebeneinander her, vorbei an Wellblechschuppen und Autowracks. Der Junge sah zu mir hoch und fragte, wieviel ich dabei hätte.
„Geld?“
„Mindestens zehn Mark, hast du soviel?“
Ich sagte, das gehe ihn nichts an, und er grinste hocherfreut über diese Antwort.
Dann waren wir da und standen vor einem massigen dunklen Klotz in der Landschaft, ein Bunker, aus dem Krieg.
Anscheinend war er bewohnt, denn auf dem Platz davor hing Wäsche an der Leine und Hühner liefen im Dreck zwischen zusammengezimmerten Kaninchenställen herum.
Der Junge machte mich vorsorglich auf einen gemeingefährlichen Hahn aufmerksam und verschwand im Bunkereingang.
Als ich ihm hinterherging, schlugen mir stickige Ausdünste entgegen und ich war froh, das ich gegen so ziemlich alles geimpft war, gegen Kinderlähmung, Tuberkulose und Cholera, wahrscheinlich sogar gegen Fleck- und Gelbfieber, meine Mutter hatte dafür gesorgt, sie hatte einen Tick in dieser Beziehung, der Impfpass musste immer in Ordnung sein.
Der kleine Stift stand an der Biegung am Ende eines Ganges und trippelte ungeduldig auf der Stelle.
Ich folgte ihm zu einem Treppenschacht und er flitzte affenartig vor mir die Stufen hoch.
Ich dachte, hier also trifft man sich, in einem Bunker hinter dicken Wänden, gar nicht schlecht. Und Kinderkram konnte es nicht sein, was sie hier veranstalteten, denn man sollte ja zehn Mark mitbringen. Das klang nach Russisch Roulett, jedenfalls in dieser Preislage.
Oben wartete der Junge vor einer rostigen Schleusentür auf mich. Er öffnete die Tür mit einem Schwinghebel, und wir waren in einem großen, leeren Raum, in dem eine Neonröhre knatterte.
Der Raum war achteckig und nach allen acht Seiten gingen dunkle Gänge ab.
Das Kerlchen machte sich wichtig und sagte in einem vertraulichen Ton, dass ich hier warten solle, dann verschwand er in einem der Seitenarme.
Ich wartete.
Von irgendwo vernahm ich das Plärren eines Babys, das mit seiner Tonlage mühelos durch meterdicke Bunkerwände drang.
Von der Welt draußen drangen keine Schwingungen herein, ich fühlte mich wie tief unter einem Heldengedenkplatz, auf dem eine dünne Schneedecke liegt.
Ich schloss die Augen.
All die Menschen aus der Vergangenheit, die hier kauerten und hofften, dass die Decke über ihnen hält.
Dann hörte ich es.
Das Klacken von Pumps, von Stöckelschuhen.
Dem Klang nach sogar ziemlich hochhackige.
Ich machte die Augen auf, im Neonlicht erschienen sie violett und waren tatsächlich unglaublich hoch.
Das Mädchen allerdings war nicht unbedingt das, was zu diesen Schuhen passte.
Sie konnte nicht viel älter als fünfzehn sein, unter ihren Augen waren Ringe, die nicht wie Lachfalten aussahen, und ihre Haare, feuchte Korkenzieherlocken, hingen schwer wie Schlingpflanzen an ihr runter.
Ansonsten war sie unförmig, ihre Brüste unter ihrem engen Leibchen sahen aus wie Wulste an der Hüfte eines fettleibigen Jungen.
Was ich sagen will: Sie war nicht der Typ von Mädchen, den ich jemals in Erwägung gezogen hätte.
Dennoch (der Bunker mit seinen meterdicken Wänden trug vielleicht auf irgendeine Weise dazu bei) versetzte mich das Mädchen in eine ungeheure sexuelle Erregung.
„Willst du mit mir spazieren gehen?“, lispelte sie und sah auf die Wände, die mit einer hauchdünnen Moosschicht überzogen waren.
Ich konnte nur noch nicken.
Als wir aus dem Bunker ins Freie traten, hakte sie sich bei mir unter und zog mich rasch über den Hof. Wir kamen an den Kaninchenställen vorbei und gelangten unten an den Kanal.
Spaziergänge mit Mädchen hatte ich schon manche hinter mir.
Sie gehörten zum festen Repertoire jener Jahre.
Gebrauchsanleitungen kursierten, dass man Mädchen hinter den Ohren kraulen oder mit dem Mittelfinger die Innenseite
ihrer Hand berühren sollte, dann atmeten sie schneller.
Ich hatte es noch nie geschafft, dass sie schneller atmeten.
Diesmal auch nicht.
Weil ich nicht wusste, was ich die ganze Zeit reden solle, sagte ich, dass es hier so ähnlich aussehe, wie in Bilbao, da hätten wir mal kurz gewohnt.
Sie blieb stehen.
„In Bilbao?“
„Spanien“, sagte ich.
„Sag mal was spanisches“, sagte sie.
„Hasta la vista Senorita“, sagte ich.
Sie ging weiter, ohne zu fragen, was das heißt.
Dann hörte ich zum ersten Mal im Leben dieses zarte Schnaufen, das nicht vom Laufen kam.
Es übertrug sich auf mich und wir sagten die ganze Zeit bis zu Meer nichts mehr.
Als wir hinter der Schleuse die Stelle erreichten, wo der Kanal ins Meer mündete, stellte ich mir vor, wie sie zwischen den Beinen aussah.
In diesem Moment vergrub sie ihren Kopf in meinem Halswinkel und ich sah durch ihre Haare auf ihre Kopfhaut, die gerötet war und kleine rissige Schründe aufwies.
Und dann hörte ich sie tief seufzen: Ach du, mein kleiner Spatz..!
Das hätte komisch sein können, aber das Gegenteil war der Fall.
Ich rutschte an ihrem Körper herunter, nahm auf dem Weg nach unten ihren Schlüpfer mit, kniete vor ihrem buschigen Geschlecht und sog die Luft tief ein.
Dann liebten wir uns im Unkraut zwischen Schrott und öligen Pfützen.
„Es tut weh, es tut so scheußlich weh!“, stöhnte sie entschuldigend.
Ich brauchte kein Aufklärungslexikon.
Ich war der erste bei ihr.
Nachher gab ich ihr den Zehnmarkschein und sagte, den habe ich vergessen.
Sie nahm ihn und sah lange aufs Meer.
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