Samstag, 29. April 2006
fgeorgeman, 16:59h
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Freitag, 14. April 2006
shortshortstory 2
fgeorgeman, 12:52h
Monaden.
by © F.Georgeman
Verpisst euch! Ich hab’ mit euch nichts zu tun!
Und sie auch nicht, garnix! Bestellt das den Russen, den Scheißrussen!
Ich schätzte, der Mann hinter der Tür war ziemlich am Ende.
„Pizza Vierundzwanzig?“, rief ich zum zweiten Mal.
Irgendwo hinter der Tür heulte eine Frau auf und ich hörte wie der Mann beruhigend auf sie einredete, und dann hörte ich, wie er sie zusammenschlug.
Ich wartete im Dunkeln, irgendwas musste sich ja mal tun.
Die Wärme der Pizza strahlte durch den Karton hindurch in mein Gesicht, und das war das einzig Gemütliche an diesem Treppenhaus.
Es war November, ein ungewöhnlich kalter und nasser November.
Im August war meine Mutter gestorben und Pizza Vierundzwanzig
erschien mir als problemloser Job, der mich über die Runden bringen könnte. Da wusste ich noch nichts über kaputte Lichtschalter und Lieferadressen wie: „Zweite Klingel von oben“.
Ganz am Ende des Flures ging ganz überraschend eine Tür auf.
Der Junge war ungefähr sechzehn, nicht älter, und sah aus wie ein Gangster im Miniformat.
Er sah auf die Armbanduhr, die im spärlichen Licht golden glänzte wie eine Rolex, vielleicht war es sogar eine.
Als ich ihm die Pizza gab, sagte ich entschuldigend:
„Die Beleuchtung geht nicht“.
„Vielleicht auch besser so“, sagte er wie Al Pacino. Er schnüffelte misstrauisch an dem Karton und fragte mich dabei, ob ich wüsste, was Monaden seien.
Ich dachte an ein niedliches Missverständnis und sagte: „Pizza Vierundzwanzig verwendet nur frische Zutaten“.
(Ich hätte nie gedacht, dass mir dieser Job Möglichkeiten bot, japanische Rhetorik anzuwenden, wenn auch nur in schwacher deutscher Übersetzung.)
Er gab mir einen gerollten Zwanziger und ich machte die Andeutung der Bewegung, mit der man das Wechselgeld herausgibt.
„Schon okay, Pizza Vierundzwanzig“, sagte er und grinste.
Mit dem Trinkgeld konnte man einen ganzen Tag leben, wenn man lange genug schlief.
Ich weiß nicht, ob meine Mutter glücklich darüber gewesen war,
als ich mich in Japanologie einschrieb.
Trotzdem, auch darin vertraute sie mir vollkommen.
Ich war in Allem ihr Berater gewesen, vor allem ihr Farbberater. Das ging bis zur Unterwäsche.
Sie war Chefsekretärin und verdiente in einem Büro hoch über der Stadt eine Menge Geld, das sie mir bei jeder Gelegenheit zusteckte.
Dann war sie gestorben, auf einer Dienstreise, in einem Hotel.
Ich konnte eine Zeit lang überleben, dann probierte ich verschiedene Jobs aus, die aus mir beinahe einen Affen gemacht hatten.
Den Job bei „Pizza Vierundzwanzig“ hatte ich erst seit zwei Tagen und er war bis dahin okay.
In dieser Nacht im November saß ich hinter dem Pizzaofen, weil ich nachts immer chronisch friere, und las eine japanische Grammatik.
Dann kam eine Bestellung, es war kurz vor Drei.
Wieder Pizza Funghi, wieder die gleiche Adresse, wieder zweite Klingel von oben.
„Haben die Leute da in der Gegend keine Namen?“, sagte ich zu Luigi.
„Trico traco“, sagte er, und als ich blöd guckte, steckte er italienisch grinsend seinen Daumen zwischen Zeigefinger und Mittelfinger.
Da wusste ich ein bisschen Bescheid.
Ganz wohl fühlte ich mich nicht, als ich das Treppenhaus betrat.
Ich hatte, wie auf der Bestellung verlangt, den zweiten Klingelknopf gedrückt und der Schnarrer hatte fast automatisch den Weg freigegeben.
Oben auf dem Flur ging das Licht immer noch nicht.
Als ich an der ersten Wohnung vorbeiging, hörte ich die Frau.
Sie musste ganz dicht hinter der Tür stehen.
Sie flüsterte etwas, aber es war zu leise, um Worte zu verstehen.
Vielleicht waren es auch keine Worte.
Dann hörte ich den Mann husten. Er sagte, dass sie von der Tür weggehen solle.
Vom Ende des Flures rief der Junge: „Pizza Funghi?“
Ich war froh, dass er da stand und „Pizza Funghi“ rief.
„Komm mal rein“, sagte er als ich bei ihm war.
Es war eine Dreizimmerwohnung mit einem ganz normalen Schnitt.
Alle Türen standen auf und ich konnte in alle Zimmer sehen.
Ich hatte den Eindruck, dass der Junge mir mit den offenen Türen einen Einblick in seine innere Verfassung geben wollte.
Über einem breiten Bett im Schlafzimmer lag einen madenfarbige Tagesdecke und an der schneeweißen Wand hing ein Kunstdruck mit dem blauen Pferd von Franz Marc.
Die schmale Küche lag gemütlich im Licht einer Dunstabzugshaube, und das andere Zimmer war anscheinend ein begehbarer Schrank. An einer Metallstange hingen Kleidungsstücke von einer Frau.
Das Wohnzimmer, in dem wir standen, war indirekt beleuchtet.
Die Lichtquelle war hinter einem Teakholzbrett über der Gardine verborgen.
Der Junge setzte sich an einen großen runden Tisch und sah mich an. Die Pizza hielt ich immer noch in der Hand.
„Soll ich dir mal was über Monaden erzählen?“ sagte er.
„Wir sind Monaden“, sagte er.
„Schon möglich“ sagte ich.
„Du bist eine Monade, ich bin eine, und in der Pizza sind Tausende davon drin!“
Ich legte den Karton mit der Pizza auf dem Tisch ab.
„Gott ist eine Monade“, sagte er.
Irgendwo durch die vielen Wände hörte man den Aufschrei einer Frau und man wusste nicht, ob es Sex war.
„Deine Pizza wird kalt“, sagte ich zu ihm.
„Du kannst sie essen“, sagte er.
„Nein“, sagte ich.
„Wir können sie zusammen essen“, sagte er.
„Denk an die Monaden darin“, sagte ich und das war der letzte Moment, der einigermaßen witzig hätte sein können.
Der Junge war fünf Jahre jünger als ich, und er verstand nicht, warum ich mich einem tieferen Gespräch verweigerte.
Ich selbst verstand es auch nicht.
Die Wohnungen, die zwischen uns und der Wohnung lagen, schienen leer und unbewohnt zu sein, denn man hörte überdeutlich, wie der Mann die Frau bearbeitete.
„Vor ein paar Tagen hat es da drüben geknallt“, sagte der Junge.
„Geknallt?“, fragte ich.
„Ein Schuss“, sagte der Junge.
„Wer ist die Frau in der anderen Wohnung?“, fragte ich.
„Meine Mutter“, sagte er.
Und da dachte ich an meine Mutter.
Sie hatten mich nichtmal die Fotos sehen lassen.
Man hatte sie mit einer Strumpfhose im Mund gefunden und ich glaube nicht, dass sie Chefsekretärin gewesen war.
Vielleicht doch.
Von Ferne drang das Lachen der Frau zu uns, es klang, als wenn sie sich über den Mann lustig machte.
Ich sagte zu dem Jungen: „Ich nehme ein kleines Stück von der Pizza“.
by © F.Georgeman
Verpisst euch! Ich hab’ mit euch nichts zu tun!
Und sie auch nicht, garnix! Bestellt das den Russen, den Scheißrussen!
Ich schätzte, der Mann hinter der Tür war ziemlich am Ende.
„Pizza Vierundzwanzig?“, rief ich zum zweiten Mal.
Irgendwo hinter der Tür heulte eine Frau auf und ich hörte wie der Mann beruhigend auf sie einredete, und dann hörte ich, wie er sie zusammenschlug.
Ich wartete im Dunkeln, irgendwas musste sich ja mal tun.
Die Wärme der Pizza strahlte durch den Karton hindurch in mein Gesicht, und das war das einzig Gemütliche an diesem Treppenhaus.
Es war November, ein ungewöhnlich kalter und nasser November.
Im August war meine Mutter gestorben und Pizza Vierundzwanzig
erschien mir als problemloser Job, der mich über die Runden bringen könnte. Da wusste ich noch nichts über kaputte Lichtschalter und Lieferadressen wie: „Zweite Klingel von oben“.
Ganz am Ende des Flures ging ganz überraschend eine Tür auf.
Der Junge war ungefähr sechzehn, nicht älter, und sah aus wie ein Gangster im Miniformat.
Er sah auf die Armbanduhr, die im spärlichen Licht golden glänzte wie eine Rolex, vielleicht war es sogar eine.
Als ich ihm die Pizza gab, sagte ich entschuldigend:
„Die Beleuchtung geht nicht“.
„Vielleicht auch besser so“, sagte er wie Al Pacino. Er schnüffelte misstrauisch an dem Karton und fragte mich dabei, ob ich wüsste, was Monaden seien.
Ich dachte an ein niedliches Missverständnis und sagte: „Pizza Vierundzwanzig verwendet nur frische Zutaten“.
(Ich hätte nie gedacht, dass mir dieser Job Möglichkeiten bot, japanische Rhetorik anzuwenden, wenn auch nur in schwacher deutscher Übersetzung.)
Er gab mir einen gerollten Zwanziger und ich machte die Andeutung der Bewegung, mit der man das Wechselgeld herausgibt.
„Schon okay, Pizza Vierundzwanzig“, sagte er und grinste.
Mit dem Trinkgeld konnte man einen ganzen Tag leben, wenn man lange genug schlief.
Ich weiß nicht, ob meine Mutter glücklich darüber gewesen war,
als ich mich in Japanologie einschrieb.
Trotzdem, auch darin vertraute sie mir vollkommen.
Ich war in Allem ihr Berater gewesen, vor allem ihr Farbberater. Das ging bis zur Unterwäsche.
Sie war Chefsekretärin und verdiente in einem Büro hoch über der Stadt eine Menge Geld, das sie mir bei jeder Gelegenheit zusteckte.
Dann war sie gestorben, auf einer Dienstreise, in einem Hotel.
Ich konnte eine Zeit lang überleben, dann probierte ich verschiedene Jobs aus, die aus mir beinahe einen Affen gemacht hatten.
Den Job bei „Pizza Vierundzwanzig“ hatte ich erst seit zwei Tagen und er war bis dahin okay.
In dieser Nacht im November saß ich hinter dem Pizzaofen, weil ich nachts immer chronisch friere, und las eine japanische Grammatik.
Dann kam eine Bestellung, es war kurz vor Drei.
Wieder Pizza Funghi, wieder die gleiche Adresse, wieder zweite Klingel von oben.
„Haben die Leute da in der Gegend keine Namen?“, sagte ich zu Luigi.
„Trico traco“, sagte er, und als ich blöd guckte, steckte er italienisch grinsend seinen Daumen zwischen Zeigefinger und Mittelfinger.
Da wusste ich ein bisschen Bescheid.
Ganz wohl fühlte ich mich nicht, als ich das Treppenhaus betrat.
Ich hatte, wie auf der Bestellung verlangt, den zweiten Klingelknopf gedrückt und der Schnarrer hatte fast automatisch den Weg freigegeben.
Oben auf dem Flur ging das Licht immer noch nicht.
Als ich an der ersten Wohnung vorbeiging, hörte ich die Frau.
Sie musste ganz dicht hinter der Tür stehen.
Sie flüsterte etwas, aber es war zu leise, um Worte zu verstehen.
Vielleicht waren es auch keine Worte.
Dann hörte ich den Mann husten. Er sagte, dass sie von der Tür weggehen solle.
Vom Ende des Flures rief der Junge: „Pizza Funghi?“
Ich war froh, dass er da stand und „Pizza Funghi“ rief.
„Komm mal rein“, sagte er als ich bei ihm war.
Es war eine Dreizimmerwohnung mit einem ganz normalen Schnitt.
Alle Türen standen auf und ich konnte in alle Zimmer sehen.
Ich hatte den Eindruck, dass der Junge mir mit den offenen Türen einen Einblick in seine innere Verfassung geben wollte.
Über einem breiten Bett im Schlafzimmer lag einen madenfarbige Tagesdecke und an der schneeweißen Wand hing ein Kunstdruck mit dem blauen Pferd von Franz Marc.
Die schmale Küche lag gemütlich im Licht einer Dunstabzugshaube, und das andere Zimmer war anscheinend ein begehbarer Schrank. An einer Metallstange hingen Kleidungsstücke von einer Frau.
Das Wohnzimmer, in dem wir standen, war indirekt beleuchtet.
Die Lichtquelle war hinter einem Teakholzbrett über der Gardine verborgen.
Der Junge setzte sich an einen großen runden Tisch und sah mich an. Die Pizza hielt ich immer noch in der Hand.
„Soll ich dir mal was über Monaden erzählen?“ sagte er.
„Wir sind Monaden“, sagte er.
„Schon möglich“ sagte ich.
„Du bist eine Monade, ich bin eine, und in der Pizza sind Tausende davon drin!“
Ich legte den Karton mit der Pizza auf dem Tisch ab.
„Gott ist eine Monade“, sagte er.
Irgendwo durch die vielen Wände hörte man den Aufschrei einer Frau und man wusste nicht, ob es Sex war.
„Deine Pizza wird kalt“, sagte ich zu ihm.
„Du kannst sie essen“, sagte er.
„Nein“, sagte ich.
„Wir können sie zusammen essen“, sagte er.
„Denk an die Monaden darin“, sagte ich und das war der letzte Moment, der einigermaßen witzig hätte sein können.
Der Junge war fünf Jahre jünger als ich, und er verstand nicht, warum ich mich einem tieferen Gespräch verweigerte.
Ich selbst verstand es auch nicht.
Die Wohnungen, die zwischen uns und der Wohnung lagen, schienen leer und unbewohnt zu sein, denn man hörte überdeutlich, wie der Mann die Frau bearbeitete.
„Vor ein paar Tagen hat es da drüben geknallt“, sagte der Junge.
„Geknallt?“, fragte ich.
„Ein Schuss“, sagte der Junge.
„Wer ist die Frau in der anderen Wohnung?“, fragte ich.
„Meine Mutter“, sagte er.
Und da dachte ich an meine Mutter.
Sie hatten mich nichtmal die Fotos sehen lassen.
Man hatte sie mit einer Strumpfhose im Mund gefunden und ich glaube nicht, dass sie Chefsekretärin gewesen war.
Vielleicht doch.
Von Ferne drang das Lachen der Frau zu uns, es klang, als wenn sie sich über den Mann lustig machte.
Ich sagte zu dem Jungen: „Ich nehme ein kleines Stück von der Pizza“.
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Mittwoch, 12. April 2006
shortshortstory 1
fgeorgeman, 18:55h
Arc de Triomphe
by © F. Georgeman
Er hatte sie genau in seinem Blickwinkel, drei Ärzte mit Dreitagebärten, alle so um die Zeit von „Satisfaction“ geboren.
Er sah sie alle ganz genau mit seinen für immer offenen Augen.
Sie sprachen sehr laut und schienen keine Rücksicht darauf nehmen zu wollen, dass er Ruhe brauchte.
An den strengen Blicken, die sie auf ihn richteten, merkte er, dass sie ein ernstes Problem mit ihm hatten.
Dabei hätte er ihnen die Sache ruhig und in ganz einfachen Worten erklären können.
Es war nämlich längst nicht alles so schlimm, wie sie taten.
Eigentlich war er sogar ganz in Ordnung, nur dass er nicht mehr sprechen und sich nicht bewegen konnte, und dass sie ihn
für tot hielten. Seinen erigierten Penis, der die weiße Bettdecke wie das Mont Blanc Massiv in einer schneebedeckten Modelleisenbahnlandschaft aussehen ließ, schienen sie nicht als ausreichenden Beweis von Leben anzusehen.
Diese Leute hatten keine Ahnung.
Sie sollten ihn nicht stören, er brauchte seine Zeit, dringend.
Zeit war natürlich der falsche Ausdruck. Alles hatte sich zu einem einzigen, unendlichen Augenblick ausgeweitet, Begriffe wie vorher oder nachher entbehrten jeglichen Sinns.
Deswegen passte auch nicht der Begriff Erinnerung.
Es kam irgendwie von außen, sie kamen irgendwie angeflogen.
Diese kleinen Filme, an denen er sich erfreute.
Gerade noch hatte er dem Vogel nachgesehen.
Es war wahrscheinlich eine Möwe, höchstwahrscheinlich sogar die Möwe Jonathan.
Er hätte gerne noch gesehen, ob sie zurückkam und sich wieder auf dem Bett niederließ, wo sie die ganze Zeit gesessen hatte,
bevor diese Milchgesichter mit den Dreitagebärten sein Zimmer betreten hatten, ohne anzuklopfen.
Okay, vielleicht tauchte die Möwe in einem anderen seiner Filme wieder auf, wenn er Glück hatte, sogar in seinem Lieblingsfilm.
Dieser Film, auf den er meistens vergeblich wartete, schien
dem ersten Satz eines Buches, das er als Junge mal gelesen hatte, entflogen zu sein.
Der Satz lautete: „Die Frau kam schräg auf Ravic zu, sie ging schnell, aber sonderbar taumelig.“
An den Titel des Buches konnte er sich nicht erinnern, nur an den Klang des Satzes in seinem Kopf und an die Lichtverhältnisse und das Wetter, die Straßen glänzten nass.
Wer war dieser Ravic?
Vielleicht er selber?
Immerhin hatte er tatsächlich einmal in einer Bar gesessen, in der Nähe der Champs Elysée, nachts.
Er wollte noch was zu trinken haben, aber der Barkeeper hatte sich geweigert.
Je regrette, hatte er gesagt und dabei Gläser gespült.
Dann ging er raus und es regnete.
Die Straße glänzte nass, genau wie im Film.
Der l’ Etoile wurde von Scheinwerferlicht angestrahlt und er ging darauf zu.
Wie Ravic.
Schräg von vorne kam eine Gestalt auf ihn zu und schlug ihm den Schädel mit einem länglichen Gegenstand ein, ohne besonderen Grund.
Das war’s.
Nur der Titel des Buches wollte ihm nicht einfallen.
Einer der Ärzte beugte sich über ihn und betrachtete sein Gesicht, als wenn es dort irgendwas Besonderes zu sehen gäbe.
Die anderen verschwanden aus seinem schmalen Blickwinkel, aber sie waren noch im Zimmer und schienen an irgendwas zu hantieren.
Er hatte plötzlich das Gefühl, einen tiefen Lungenzug aus einer Gitane genommen zu haben, der ihm die Luft nahm.
Der Druck in seiner Brust ließ erst nach, als der Vogel aufstieg.
Es war die Möwe Jonathan, sie war zurückgekehrt.
Er verfolgte ihren schönen Flug am Himmel.
Dann blieb sie in der Luft stehen und stürzte torkelnd durch den unendlich blauen Himmel der Erde zu.
Exitus, sagte das Arschgesicht über ihm.
Als sie rausgingen und das Licht dimmten, fiel ihm endlich der Titel ein: Arc de Triomphe.
by © F. Georgeman
Er hatte sie genau in seinem Blickwinkel, drei Ärzte mit Dreitagebärten, alle so um die Zeit von „Satisfaction“ geboren.
Er sah sie alle ganz genau mit seinen für immer offenen Augen.
Sie sprachen sehr laut und schienen keine Rücksicht darauf nehmen zu wollen, dass er Ruhe brauchte.
An den strengen Blicken, die sie auf ihn richteten, merkte er, dass sie ein ernstes Problem mit ihm hatten.
Dabei hätte er ihnen die Sache ruhig und in ganz einfachen Worten erklären können.
Es war nämlich längst nicht alles so schlimm, wie sie taten.
Eigentlich war er sogar ganz in Ordnung, nur dass er nicht mehr sprechen und sich nicht bewegen konnte, und dass sie ihn
für tot hielten. Seinen erigierten Penis, der die weiße Bettdecke wie das Mont Blanc Massiv in einer schneebedeckten Modelleisenbahnlandschaft aussehen ließ, schienen sie nicht als ausreichenden Beweis von Leben anzusehen.
Diese Leute hatten keine Ahnung.
Sie sollten ihn nicht stören, er brauchte seine Zeit, dringend.
Zeit war natürlich der falsche Ausdruck. Alles hatte sich zu einem einzigen, unendlichen Augenblick ausgeweitet, Begriffe wie vorher oder nachher entbehrten jeglichen Sinns.
Deswegen passte auch nicht der Begriff Erinnerung.
Es kam irgendwie von außen, sie kamen irgendwie angeflogen.
Diese kleinen Filme, an denen er sich erfreute.
Gerade noch hatte er dem Vogel nachgesehen.
Es war wahrscheinlich eine Möwe, höchstwahrscheinlich sogar die Möwe Jonathan.
Er hätte gerne noch gesehen, ob sie zurückkam und sich wieder auf dem Bett niederließ, wo sie die ganze Zeit gesessen hatte,
bevor diese Milchgesichter mit den Dreitagebärten sein Zimmer betreten hatten, ohne anzuklopfen.
Okay, vielleicht tauchte die Möwe in einem anderen seiner Filme wieder auf, wenn er Glück hatte, sogar in seinem Lieblingsfilm.
Dieser Film, auf den er meistens vergeblich wartete, schien
dem ersten Satz eines Buches, das er als Junge mal gelesen hatte, entflogen zu sein.
Der Satz lautete: „Die Frau kam schräg auf Ravic zu, sie ging schnell, aber sonderbar taumelig.“
An den Titel des Buches konnte er sich nicht erinnern, nur an den Klang des Satzes in seinem Kopf und an die Lichtverhältnisse und das Wetter, die Straßen glänzten nass.
Wer war dieser Ravic?
Vielleicht er selber?
Immerhin hatte er tatsächlich einmal in einer Bar gesessen, in der Nähe der Champs Elysée, nachts.
Er wollte noch was zu trinken haben, aber der Barkeeper hatte sich geweigert.
Je regrette, hatte er gesagt und dabei Gläser gespült.
Dann ging er raus und es regnete.
Die Straße glänzte nass, genau wie im Film.
Der l’ Etoile wurde von Scheinwerferlicht angestrahlt und er ging darauf zu.
Wie Ravic.
Schräg von vorne kam eine Gestalt auf ihn zu und schlug ihm den Schädel mit einem länglichen Gegenstand ein, ohne besonderen Grund.
Das war’s.
Nur der Titel des Buches wollte ihm nicht einfallen.
Einer der Ärzte beugte sich über ihn und betrachtete sein Gesicht, als wenn es dort irgendwas Besonderes zu sehen gäbe.
Die anderen verschwanden aus seinem schmalen Blickwinkel, aber sie waren noch im Zimmer und schienen an irgendwas zu hantieren.
Er hatte plötzlich das Gefühl, einen tiefen Lungenzug aus einer Gitane genommen zu haben, der ihm die Luft nahm.
Der Druck in seiner Brust ließ erst nach, als der Vogel aufstieg.
Es war die Möwe Jonathan, sie war zurückgekehrt.
Er verfolgte ihren schönen Flug am Himmel.
Dann blieb sie in der Luft stehen und stürzte torkelnd durch den unendlich blauen Himmel der Erde zu.
Exitus, sagte das Arschgesicht über ihm.
Als sie rausgingen und das Licht dimmten, fiel ihm endlich der Titel ein: Arc de Triomphe.
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