Montag, 1. Mai 2006
shortstory 4
fgeorgeman, 12:13h
Frühgemüse.
by © F.Georgeman
An manchen Tagen war ich ein Laufwunder.
Einmal rannte ich wie ein Mann mit einer Fackel durch die ganze Stadt. Erst der Nordostseekanal, kurz hinter der westlichen Stadtgrenze, setze meinem Marathon ein vorzeitiges Ende.
Ich warf mich ins hohe Gras der Uferböschung, weder Seitenstechen noch Atemnot, gar nichts, nur in meinen Beinen zuckte es immer noch.
In der früh aufkommenden Dämmerung (es war schon Oktober) sah ich die Leiber dunkler Frachtschiffe vorbeiziehen, deren langsam laufende Schrauben im schmutzigen Brackwasser plantschten wie die Kinder von Asozialen.
Asozial kam als Wort damals gerade erst auf, und als asozial galt sofort die Gegend auf der anderen Seite des Kanals.
Einzelne Straßenlaternen waren drüben inzwischen angegangen und beleuchteten heruntergekommene Fassaden, ein unleserlicher Neonschriftzug, der in der feuchten Luft von einem Hof umrandet war, glühte rosa in der Nacht.
Ich hörte ein Fährboot herüber tuckern und ging runter an die Anlegestelle. Die Überfahrt zur schlechten Gegend war umsonst. Mit mir fuhren dicke Frauen mit Einkaufstaschen und magenkrank aussehende Männer, die sich abwandten und ins Wasser starrten.
Auf der anderen Seite verliefen sich die Menschen schnell und ich wanderte durch leere Straßen.
Nach einer Weile entdeckte ich die Leuchtschrift wieder, sie gehörte zu einem Kino.
Im Schaukasten hing das Plakat eines Fuzzy Films, eine Mark vierzig auf allen Plätzen.
An der Kasse saß niemand.
Durch die dünne Sperrholztür zum Kinosaal hörte ich Schüsse und das Lachen des Publikums.
Ich stand noch im Vorraum, in dem es kalt nach Erdbeer-Kaugummi roch, als die Tür aufging und ein Junge aus dem Saal kam.
Er war schätzungsweise zwei oder drei Jahre älter als ich, sein von der Natur her braunes Gesicht hatte die sanften Rundungen eines Boxers, die Haare waren straff nach hinten geteert, ein Gigant jener Jahre - wer hätte geahnt, dass man solche Typen ungefähr vierzig Jahre später massenweise als Sperrmüll der Woche in den Daily-Talk-Shows vorführen würde, ich nicht.
Unvorstellbar, dass so ein Typ jemals i r g e n d w el c h e Probleme haben könnte, weder mit Frauen, noch mit Lehrern, noch mit Vätern, oder was einem sonst in die Quere kommen konnte.
Er zog eine Schachtel Rothmans King Size mit Korkfilter aus seiner Brusttasche, schnippte gegen die Packung bis sich die Zigaretten wie Orgelpfeifen angeordnet hatten, wählte die Längste aus, und steckte sie sich zwischen die Lippen.
Hinter der Tür lachte das Publikum trampelnd.
Er grinste flüchtig, wahrscheinlich über die Blödheit der Welt.
Ich wusste nicht, ob ich zurückgrinsen sollte, aber es schien mir unangebracht. Er rauchte eine zeitlang und ging dann raus auf die Plattform vor dem Kino.
Ich sah mir noch ein paar Plakate an, dann stellte ich mich auch raus.
Er zog tief an seiner Zigarette und sah über den Kanal auf die andere Seite. Seine Pupillen waren wie schwarze Chips, in denen eine Art von unbekannter Intelligenz schimmerte, die drüben, wo ich herkam, mit Kriminalität in Verbindung gebracht wird.
Ich hätte ihm gerne gesagt, dass ich auf seiner Seite stand, voll, und in jeder Hinsicht, aber so wie er dastand, sagte seine Körpersprache: quatsch mich ja nicht an!
Und, als wenn ich ein Analphabet in Punkto Körpersprache war, drehte er sich schließlich von mir weg und zeigt mir nur noch seinen Rücken.
Frühgemüse, wahrscheinlich nennen sie das auch hier so.
Na klar, er ist ein paar Jahre älter, er ist eine ganz andere Generation, Kriegsgeneration (auch wenn sie nur als Baby im Luftschutzkeller geplärrt hatten!), für ihn bin und bleibe ich Frühgemüse.
Für alle bin ich Frühgemüse, alle die nach Fünfundvierzig geboren sind, selbst für meine Eltern, und für Frauen sowieso.
Ich falle ihn an, von hinten.
Gut, das ist nicht fair, aber um Fairness geht es ja auch nicht.
Ich will mich wie ein Schwarm Piranhas durch seinen Körper fressen, aber er stoppt mich mit zwei, drei harten Schlägen. Er hatte Bewegungen drauf, die Normal-Sterbliche selbst in Zeitlupe nie begreifen werden, nie.
Als es vorbei war, lag ich vollkommen schmerzlos und allein auf den Dielen der Plattform.
Meine Augenlider waren schwer, ich lag mit dem Gewicht von tausend Tonnen auf dem Boden, ein glückliches Gefühl, die Leute kamen aus dem Kino, lärmend, lachend, noch beseelt von dem Film.
Sie hoben mich auf, mein Magen drehte sich um, und ich spuckte ihnen Blut und ein halbes Ohr vor die Füße.
Dann kam ich in ein Krankenhaus, ich hatte einen Kieferbruch, einen Leberriss und einige komplizierte Knochenbrüche an den Beinen.
Meine Eltern besuchten mich jeden Sonntag.
Einige Monate später zeigte ich ihnen stolz, wie ich das Krankenzimmer schon wieder auf eigenen Beinen durchqueren konnte.
Meine Mutter weinte, wahrscheinlich vor Freude.
Mein Vater stand die ganze Zeit schweigend am Fenster und sah nach draußen.
Als er sich umdrehte, hatte er feuchte Augen.
Das war das einzige Mal, dass ich ihn mit feuchten Augen gesehen habe, es dauerte nur ein paar Sekunden, danach ließ er nichts mehr an sich heran, mich schon garnicht.
by © F.Georgeman
An manchen Tagen war ich ein Laufwunder.
Einmal rannte ich wie ein Mann mit einer Fackel durch die ganze Stadt. Erst der Nordostseekanal, kurz hinter der westlichen Stadtgrenze, setze meinem Marathon ein vorzeitiges Ende.
Ich warf mich ins hohe Gras der Uferböschung, weder Seitenstechen noch Atemnot, gar nichts, nur in meinen Beinen zuckte es immer noch.
In der früh aufkommenden Dämmerung (es war schon Oktober) sah ich die Leiber dunkler Frachtschiffe vorbeiziehen, deren langsam laufende Schrauben im schmutzigen Brackwasser plantschten wie die Kinder von Asozialen.
Asozial kam als Wort damals gerade erst auf, und als asozial galt sofort die Gegend auf der anderen Seite des Kanals.
Einzelne Straßenlaternen waren drüben inzwischen angegangen und beleuchteten heruntergekommene Fassaden, ein unleserlicher Neonschriftzug, der in der feuchten Luft von einem Hof umrandet war, glühte rosa in der Nacht.
Ich hörte ein Fährboot herüber tuckern und ging runter an die Anlegestelle. Die Überfahrt zur schlechten Gegend war umsonst. Mit mir fuhren dicke Frauen mit Einkaufstaschen und magenkrank aussehende Männer, die sich abwandten und ins Wasser starrten.
Auf der anderen Seite verliefen sich die Menschen schnell und ich wanderte durch leere Straßen.
Nach einer Weile entdeckte ich die Leuchtschrift wieder, sie gehörte zu einem Kino.
Im Schaukasten hing das Plakat eines Fuzzy Films, eine Mark vierzig auf allen Plätzen.
An der Kasse saß niemand.
Durch die dünne Sperrholztür zum Kinosaal hörte ich Schüsse und das Lachen des Publikums.
Ich stand noch im Vorraum, in dem es kalt nach Erdbeer-Kaugummi roch, als die Tür aufging und ein Junge aus dem Saal kam.
Er war schätzungsweise zwei oder drei Jahre älter als ich, sein von der Natur her braunes Gesicht hatte die sanften Rundungen eines Boxers, die Haare waren straff nach hinten geteert, ein Gigant jener Jahre - wer hätte geahnt, dass man solche Typen ungefähr vierzig Jahre später massenweise als Sperrmüll der Woche in den Daily-Talk-Shows vorführen würde, ich nicht.
Unvorstellbar, dass so ein Typ jemals i r g e n d w el c h e Probleme haben könnte, weder mit Frauen, noch mit Lehrern, noch mit Vätern, oder was einem sonst in die Quere kommen konnte.
Er zog eine Schachtel Rothmans King Size mit Korkfilter aus seiner Brusttasche, schnippte gegen die Packung bis sich die Zigaretten wie Orgelpfeifen angeordnet hatten, wählte die Längste aus, und steckte sie sich zwischen die Lippen.
Hinter der Tür lachte das Publikum trampelnd.
Er grinste flüchtig, wahrscheinlich über die Blödheit der Welt.
Ich wusste nicht, ob ich zurückgrinsen sollte, aber es schien mir unangebracht. Er rauchte eine zeitlang und ging dann raus auf die Plattform vor dem Kino.
Ich sah mir noch ein paar Plakate an, dann stellte ich mich auch raus.
Er zog tief an seiner Zigarette und sah über den Kanal auf die andere Seite. Seine Pupillen waren wie schwarze Chips, in denen eine Art von unbekannter Intelligenz schimmerte, die drüben, wo ich herkam, mit Kriminalität in Verbindung gebracht wird.
Ich hätte ihm gerne gesagt, dass ich auf seiner Seite stand, voll, und in jeder Hinsicht, aber so wie er dastand, sagte seine Körpersprache: quatsch mich ja nicht an!
Und, als wenn ich ein Analphabet in Punkto Körpersprache war, drehte er sich schließlich von mir weg und zeigt mir nur noch seinen Rücken.
Frühgemüse, wahrscheinlich nennen sie das auch hier so.
Na klar, er ist ein paar Jahre älter, er ist eine ganz andere Generation, Kriegsgeneration (auch wenn sie nur als Baby im Luftschutzkeller geplärrt hatten!), für ihn bin und bleibe ich Frühgemüse.
Für alle bin ich Frühgemüse, alle die nach Fünfundvierzig geboren sind, selbst für meine Eltern, und für Frauen sowieso.
Ich falle ihn an, von hinten.
Gut, das ist nicht fair, aber um Fairness geht es ja auch nicht.
Ich will mich wie ein Schwarm Piranhas durch seinen Körper fressen, aber er stoppt mich mit zwei, drei harten Schlägen. Er hatte Bewegungen drauf, die Normal-Sterbliche selbst in Zeitlupe nie begreifen werden, nie.
Als es vorbei war, lag ich vollkommen schmerzlos und allein auf den Dielen der Plattform.
Meine Augenlider waren schwer, ich lag mit dem Gewicht von tausend Tonnen auf dem Boden, ein glückliches Gefühl, die Leute kamen aus dem Kino, lärmend, lachend, noch beseelt von dem Film.
Sie hoben mich auf, mein Magen drehte sich um, und ich spuckte ihnen Blut und ein halbes Ohr vor die Füße.
Dann kam ich in ein Krankenhaus, ich hatte einen Kieferbruch, einen Leberriss und einige komplizierte Knochenbrüche an den Beinen.
Meine Eltern besuchten mich jeden Sonntag.
Einige Monate später zeigte ich ihnen stolz, wie ich das Krankenzimmer schon wieder auf eigenen Beinen durchqueren konnte.
Meine Mutter weinte, wahrscheinlich vor Freude.
Mein Vater stand die ganze Zeit schweigend am Fenster und sah nach draußen.
Als er sich umdrehte, hatte er feuchte Augen.
Das war das einzige Mal, dass ich ihn mit feuchten Augen gesehen habe, es dauerte nur ein paar Sekunden, danach ließ er nichts mehr an sich heran, mich schon garnicht.
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fgeorgeman,
Mittwoch, 3. Mai 2006, 19:21
Melde dich mal, Johny!
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